indische Lebensmentalität

In der ersten Zeit, in der ich hier war, hatte ich sehr viel freie Zeit. Immer wieder wurde mir gesagt “take rest“ (mach mal Pause). Zu Beginn kann es ja auch nicht schaden, aber es wurde auf Dauer nervig und ich habe mich dabei auch nicht wohl gefühlt. Ich habe dann aber gelernt, mir meine Aufgaben selber zu suchen. Zum Beispiel habe ich eine Tanzgruppe gestartet oder ich spiele, bastle und male mit den Kindern im Heim. Es tut mir gut, wenn ich selbst etwas in die Hand nehme und ich weiß, was ich geschafft habe.

Auf der anderen Seite sehe ich immer wieder Inder, die das Leben ganz gelassen und locker nehmen. Als Europäer sollte man viel Zeit und Geduld mit nach Indien nehmen, denn nicht alles klappt sofort. Hinzu kommt, dass man beim Einkaufen penetrant sein sollte, denn oft bekommt man erst beim vierten oder fünften Mal Nachfragen, was man eigentlich will.

Ein Beispiel:
Janna und ich wollten uns eine indische Simkarte für unser Handy kaufen, die haben wir auch problemlos in einem recht seriösen Handyshop bekommen. Ergänzend dazu wollten wir aber eine Boostercard kaufen, mit der man günstiger ins Ausland telefonieren kann. Diese Karte musste aber noch bestellt werden. Nach einer Woche haben wir nachgefragt und uns wurde gesagt, dass es noch eine Woche dauern würde. Nach zwei Wochen sind wir wieder zum Laden und haben noch einmal nachgehakt, da erst erfuhren wir, dass sie hier gar nicht zu bekommen wäre. Wir würden sie aber in einer größeren Stadt z. B. Chennai oder Trichy bekommen. Janna und ich waren ein bisschen sauer, denn wir kommen nicht so leicht in eine größere Stadt. Nachdem wir einige Minuten provokativ in dem Laden sitzen blieben, sagte der Verkäufer auf einmal, er komme bald nach Trichy und könnte uns eine Boostercard besorgen… Vielleicht wollte der Verkäufer uns ja einfach nicht enttäuschen, wer weiß?! Wie unterschiedlich doch unsere Kulturen sind und wie spannend das ist!

Mit der Mentalität der Inder mussten Janna und ich erst mal klar kommen.

Anderes Beispiel: Eines Nachmittags kam eine Frau des Personals zu mir und meinte, dass ich ein wunderschönes T-Shirt aus Deutschland anhätte. Kurze Zeit später fuhr sie wieder fort. Wir (Janna, ich und eine andere vom Staff / Lehrkörper) erfuhren dann irgendwann, dass wir mit dieser Frau eine Chudidar (das tragen die Mädchen in Indien bis sie 18 werden) kaufen gehen werden. Ich verstand es als Aufforderung, mich so zu kleiden wie die indischen Frauen…

Nächstes Beispiel: Als ich mit meinem Ponny gespielt habe, wurde ich gefragt, ob ich denn auch eine Haarklammer hätte, um den Ponny zur Seite zu machen, wie es die indischen Mädchen alle haben. Ich trage auch jetzt noch meinen Ponny so, wie ich ihn immer getragen habe und lerne, dass Inder sich selten direkt ausdrücken. Daran muss ich mich noch gewöhnen und ich versuche darüber hinaus, Kommunikationsproblemen mit Humor zu begegnen.